Kurzgeschichte: Der Junge der zu den Sternen sah

Erde 2083 – Im Norden von Norwegen

„Wie lange müssen wir denn noch laufen?“, beschwerte sich Erik und zog sich die Mütze noch etwas tiefer ins Gesicht. Am wolkenfreien Himmel funkelten über ihm die Sterne.

„Nicht mehr lange!“, rief sein Vater, der bereits ein gutes Stück von ihm entfernt die Anhöhe hinaufgegangen war.

„Nicht mehr lange. Es ist nicht mehr weit. Wir sind bald da“, äffte der Junge die Aussagen seines Vaters nach, die er schon gefühlt seit Stunden immer wieder von ihm hörte. „Und warum muss das ausgerechnet jetzt sein? Geht das nicht im Sommer, wenn wir keine drei Meter Schnee haben?“

Sein Vater blieb stehen, zeigte ihm aber weiter nur den Rücken. „Es ist kalt. Wie lange dauert es noch? Geht das nicht auch online?“, wiederholte er die Beschwerden und die Fragen des Achtjährigen in einem erheiterten Ton. Dann drehte er sich zu ihm um und winkte ihn zu sich.

Erik ließ sich Zeit. Er hatte diese nächtliche Wanderung schließlich nicht gewollt. Stattdessen konzentrierte er sich darauf, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, um besser durch den wadenhohen Schnee zu kommen.

„Eure Generation würde am liebsten alles online machen“, sagte sein Vater.

„Nicht alles“, maulte Erik.

„Stimmt, aufs Klo gehst du noch selbst.“

Der Junge verzog beleidigt das Gesicht. „Die Lehrer haben gesagt, wir sollen uns in den Ferien ausruhen.“

„Das kannst du den ganzen Tag über. Und jetzt geht es weiter.“

„Aber warum müssen wir das jetzt machen? Im Sommer wäre es viel wärmer.“

„Weil es dann zu spät dafür ist. Das, was ich dir zeigen will, tritt nur zu bestimmten Zeiten auf.“ Sein Vater setzte den Weg unbeirrt von den Launen seines Sohnes fort.

Am liebsten wäre Erik einfach stehengeblieben. Doch er wusste, dass sein Vater sich davon nicht beeindrucken ließ. Der würde warten, bis sein Sohn kleinbeigab. Auch, wenn es bis zum Morgen dauerte.

Erik sah den Weg zurück, den sie bisher gegangen waren. Ihre Spuren hoben sich etwas dunkler von dem Schnee ab, der im Vollmond bläulich schimmerte. Sie führten die Anhöhe hinunter, zu einem Trampelpfad im Wald, der an der Straße endete, an der sein Vater das Schneemobil abgestellt hatte. Seiner Wahrnehmung nach waren sie auch damit ewig von ihrem Dorf aus gefahren, um diesen Ort zu erreichen.

Dabei hätte er jetzt bequem auf dem Bett sitzen und zocken können, statt durch die Nacht zu stapfen.

Er stieß ein verächtliches Schnauben aus und setzte sich voller Missmut wieder in Bewegung. Es waren vielleicht keine drei Meter Schnee, wie Erik es zunächst behauptet hatte, aber tief genug, dass seine Oberschenkel von der Anstrengung brannten, seine Füße waren trotz dicker Winterstiefel kalt und taten weh. Seine Nase fühlte sich durch die Kälte taub an. Wenigstens hatte der Wind vom Tag nachgelassen.

Sein Vater erreichte den Gipfel der Anhöhe. Als Erik endlich zu ihm aufgeschlossen hatte, wischte er mit seinem Fuß gerade den Boden vom Schnee frei und stellte seinen großen Rucksack ab.

„Und jetzt?“

Sein Vater schmunzelte. „Geduld, Junge, Geduld. In der Ruhe liegt die Kraft.“ Er öffnete den Rucksack und zog ein Stativ heraus. „Schau nach oben, was siehst du?“

Erik legte den Kopf in den Nacken. „Sterne“, antwortete er genervt. „Die hätten wir auch vom Balkon aus gesehen. Oder aus dem Garten.“

„Wenn du genau hinschaust, fällt dir nicht etwas auf?“

Was sollte ihm schon auffallen? Einige der hellen Punkte waren etwas größer, andere kleiner und einer sah etwas rötlich aus. Aber auch das war nichts, weswegen man in der Nacht durch die Eiseskälte wandern musste. „Nein“, antwortete er trotzig.

„Oh, ich glaube, dass du es sehr wohl siehst. Einige von ihnen flackern.“

„Ja“, stieß Erik aus. „Können wir dann wieder zurück?“

Sein Vater holte einen länglichen Kasten aus dem Rucksack, legte ihn auf den freien Boden und öffnete ihn. „Das ist ein Teleskop und damit will ich dir etwas zeigen.“ Er setzte es auf das Stativ und stellte es ein. „Schau“, forderte er seinen Sohn auf.

Widerstand war in diesem Fall zwecklos. Also spielte Erik das Spiel mit. Er sah eine blaue, flackernde Kugel.

„Was du da siehst, ist Sirius A, der hellste Stern am Himmel und knapp neun Lichtjahre von der Erde entfernt. Er ist Teil des Sternbildes Großer Hund und hat auch noch einen kleineren Begleiter: Sirius B. Den können wir mit diesem Teleskop aber nicht sehen. Weißt du schon, was ein Lichtjahr ist?“

„Ja, das ist der Weg, den das Licht in einem Jahr schafft.“

„Ah, sehr gut.“ Sein Vater lächelte. „Habt ihr das in der Schule gelernt?“

„Nein, das war in einem Spiel.“ Erik setzte einen Schritt zurück und ließ seinen Vater wieder an das Teleskop.

„Wenn ein Objekt am Himmel flackert, dann ist es ein Stern, genau genommen eine Sonne. Aber wenn es das nicht tut …“ Er drehte das Fernrohr auf dem Stativ, richtete es neu aus und trat dann wieder zurück. „Schau rein, dann siehst du es.“

„Können wir danach nach Hause?“

Sein Vater nickte. „Ja, ich will nur, dass du es einmal mit eigenen Augen gesehen hast. Danach kannst du entscheiden, ob wir zurückgehen oder doch noch etwas bleiben.“

Der Gedanke an sein warmes Zimmer trieb ihn an, den Blick durch das Teleskop zu werfen. Er hatte erwartet, noch eine glühende Kugel zu sehen. Aber es war etwas vollkommen anderes.

Eine Kugel zwar, aber sie flackerte nicht. Und sie hatte Ringe.

„Das ist der Saturn. Der sechste Planet in unserem Sonnensystem und meiner Meinung nach auch der schönste Natürlich nach der Erde.“

Eigentlich hatte Erik nur zurück in sein warmes Zimmer gewollt. Egal, was sein Vater ihm jetzt gezeigt hätte, er hätte es blöd finden wollen. Doch dieser Anblick änderte alles. Er konnte es sich nicht erklären. Dieser Planet zog ihn in seinen Bann und fesselte seine Aufmerksamkeit. Nur eine leise Stimme im Hintergrund seiner Gedanken erinnerte ihn daran, was sein eigentlicher Plan gewesen war. Eine Stimme, die mit jeder verstrichenen Sekunde leiser wurde und schließlich ganz verstummte.

„Galileo Galilei hat schon 1610 die Ringe das erste Mal gesehen, aber die damaligen Fernrohre waren viel zu schlecht, als dass er sie als Ringe erkennen konnte. Er schrieb sich zuerst in sein Notizbuch der Saturn hätte Ohren. Manchmal wird auch von einem Henkel gesprochen.“

„Ohren?“, murmelte Erik. Vor seinem inneren Auge entstand ein Bild von einem Planeten mit Augen, Nase, Mund und eben diesen riesigen Ohren, die dieser Galileo damals gesehen hatte. Er schüttelte den Kopf. Und Henkel? Das war doch keine Tasse, die da oben um die Sonne schwebte. „Galileo war nicht besonders schlau, oder?“, fragte er.

„Galileo war einer der bedeutendsten Astronomen und Physiker seiner Zeit. Außerdem musst du bedenken, dass vieles, was für uns heute selbstverständlich ist, damals noch unbekannt war. Und sein Fernrohr war deutlich schlechter als das, was wir beide hier haben. Später ging Galileo dann davon aus, der Saturn bestünde nicht aus einem, sondern aus drei Teilen, die sich so nahe standen, dass sie sich beinahe berühren mussten. Fünfundvierzig Jahre später konnte Christiaan Huygens mit einem besseren Teleskop die Ringe deutlich erkennen.“

Sein Vater erzählte weiter von Fernrohren und Entdeckungen, aber Eriks Gedanken schwebten längst bei den Ringen. Aus was mochten sie bestehen? Konnte man darauf stehen? Wie cool musste das bitte sein, einmal um den Planeten zu laufen?

„Erik?“ Sein Vater tippte ihm auf die Schulter.

Nur mit Widerwillen löste er sich von dem Anblick. „Ja?“

„Ich will dir noch etwas zeigen.“

Erik trat beiseite und ließ seinen Vater das Teleskop verstellen. „Galileo hat nicht nur die Ringe des Saturn entdeckt, sondern auch noch etwas anderes. Schau mal.“

Erik konnte einen weiteren Planeten betrachten.

„Das ist der Jupiter, der größte Planet in unserem Sonnensystem.“

„Der hat keine Ringe, also langweilig.“

Sein Vater zwinkerte ihm zu. „Er hat welche. Nur sind sie zu dünn, um sie mit diesem Teleskop zu sehen. Aber bei ihm gibt es etwas viel Interessanteres. Kannst du die kleinen Punkte um ihn herum erkennen?“

„Ja.“

„Das sind vier seiner größten Monde. Wir nennen sie auch die vier galileischen Monde, weil er sie entdeckt hat.“

„Vier! Warum hat der so viele und wir nur einen?“

„Der Jupiter ist im Vergleich zur Erde ein Riese. Sie würde über eintausend Mal in ihn hineinpassen. Da darf er schon ein paar Monde mehr haben und es sind auch nicht nur diese vier. Nach allem, was wir wissen, hat der Jupiter einhundertundeinen Mond.“

„So viele? Dann ist es erst recht unfair, dass wir nur einen Mond haben.“

„Und den haben wir auch nur, weil zur Entstehungszeit der Erde ein anderer, kleinerer Planet mit uns zusammengestoßen ist. Daraus entstand unser Mond, sonst hätten wir heute keinen einzigen und das Leben hier wäre sehr viel unbequemer. Der Jupiter ist durch seine Größe wie ein Staubsauger und sammelt alles ein, was in seine Reichweite kommt. Deswegen hat er auch so viele Begleiter. Außerdem macht ihn das zu unserem Beschützer. Was er einsammelt, kann uns nicht treffen.“

„Nicht treffen?“ Erik sah zu seinem Vater.

„Ja, er ist wie unser Wächter und passt auf, dass die Asteroiden nicht bis zur Erde kommen können.“

Erik verschränkte die Arme. „Dann ist der Jupiter schuld, dass die Dinos ausgestorben sind. Nein, den mag ich nicht.“

Eriks Vater lachte. „Tja, manchmal funktioniert das nicht. Es kommt auch drauf an, auf welchem Kurs der Asteroid vorher war.“

„Hat er auf seinen Monden wenigstens eine Raumstation wie bei uns auf dem Mond?“

„Im Moment nicht. Aber vielleicht irgendwann. Dafür haben wir auf zwei Saturnmonden Stationen.“

„Er hat Ringe und Monde? Der ist ja echt der Boss der Planeten!“

„Er hat sogar noch mehr Monde als der Jupiter. Der größte heißt Titan und dort befindet sich eine Station, die dauerhaft besetzt ist. Außerdem gibt es eine deutlich kleinere Basis auf Enceladus. Das ist ein kleiner Mond mit Vulkanen, die Wasser statt Lava sprühen. Und weil es dort so kalt ist, wird das Wasser sofort zu Schnee und Eis, das zum Teil wieder auf die Oberfläche fällt. Aber auch in den Weltraum geht und einen der Ringe bildet.“

Erik sah seinen Vater mit großen Augen an. „Ein Ring aus Eis? Kann man da in einem Raumanzug drauf Schlittschuh laufen?“

Er schüttelte den Kopf. „Die Vorstellung ist zwar ganz lustig, aber das geht leider nicht. Die Ringe sind nicht durchgehend, sondern bestehen alle aus vielen kleinen Stein-, Eis- oder Staubkörnchen. Zwischen den einzelnen Ringen sind sogar kleine Monde.“

„Erik biss sich auf die Lippe und starrte zum Teleskop. Kann ich … “ Er zögerte, als würde er etwas Verbotenes fragen. „Kann ich den Saturn nochmal sehen?“

„Natürlich. Außerdem haben wir derzeit die Möglichkeit, sogar fünf Planeten am Himmel sehen zu können. Das ist sehr selten und deswegen wollte ich heute mit dir hier draußen sein.“ Sein Vater richtete das Teleskop noch einmal aus.

„Sind die anderen auch so wie der Saturn? Also mit Ringen und so vielen Monden?“

„Nein, aber das macht sie nicht weniger spannend. Möchtest du sie auch sehen?“

„Ja, und Papa?“

„Was ist denn?“

„Papa, meinst du, ich könnte mal Forscher werden? So richtig mit Rakete und allem?“

Sein Vater beugte sich zu ihm herunter und flüsterte schmunzelnd: „Aber nur, wenn du mir versprichst, dass ich Co-Pilot sein darf!“

Erik nickte eifrig. „Versprochen.“

Die Kälte war längst nur noch ein Hauch auf seiner Haut, überlagert von den Bildern in seinem Kopf: Eisvulkane, schwebende Ringe und einer Rakete mit seinem Namen drauf.

25 Jahre später

Captain Erik Ström stand am Fenster seiner Kabine. Die Hawking war am frühen Morgen in die Umlaufbahn des Saturn eingeschwenkt, um der Titanstation Vorräte und wissenschaftliche Instrumente zu liefern. Außerdem nahmen sie ein letztes Crewmitglied auf, bevor sie mit der zweiten Phase ihres Testfluges begannen.

Erik hatte, bevor er das Kommando über den neuen Raumschiffprototyp übertragen bekommen hatte, bereits drei Jahre als Captain auf einem Erzfrachter gedient. Und so oft sie auch weit draußen im Kuipergürtel gewesen waren, es hatte sich nie ergeben, auch nur am Saturn vorbeizufliegen.

Es hat lange gedauert, dachte er mit einem Lächeln.

Sein Vater hatte seinen Wunsch, Forscher zu werden, für eine flüchtige Idee gehalten. Schließlich hatte Erik auch mal den Traum gehabt, Rennfahrer, Eishockeystar oder Pilot zu werden. Alles nicht unmöglich, aber auch schwer zu erreichen.

Aber der Gedanke, Forscher im Weltall zu werden, war ein Funke gewesen, der sich in den folgenden Jahren zu einem Feuer entwickelt hatte, das bis heute heller denn je leuchtete.

„Sobald wir von unserem Testflug zurückkommen, werde ich dich einmal mit hierhernehmen, Papa. Das verspreche ich.“